Feedback von Andreas Hansmeier

Bericht Von Andreas Hansmeier ( Lehrer Anne Frank Schule Bonn)


Die Projektidee
Im ersten Schulhalbjahr 2009/2010 nahmen etwa 50 Schüler(innen) der GHS Anne-Frank-Schule Bonn (AFS) und der Integrierten Gesamtschule Beuel (IGS) am mehrfach ausgezeichneten Schulkooperationsprojekt „Schoolbattle – Hip Hop gegen Gewalt an Schulen“1 teil. Nach dem Finale, zeigte sich, dass der gemeinsame Umgang miteinander zahlreiche Vorurteile und Rivalitäten abgebaut hatte. Insbesondere die Integration der Schüler(innen) der AFS hatte stattgefunden. Hatte die AFS bisweilen Schüler(innen) in eine Minderheit integriert, nämlich in die Minderheit der Hauptschüler(innen), so war es nun gelungen, die Hauptschüler(innen) in die Mehrheit zu integrieren. Sie hatten ihre Verhaltensweisen angepasst und Ängste und ablehnedes Verhalten abgelegt. Das musste weitergeführt werden! Es entstand das Projekt „KoopeRAPtion, IntegRAPtion“.

Ablauf
Schüler(innen) der 7. bis 10. Klassen der AFS und der IGS werden durch Mundpropaganda und gezielte Ansprache auf das Projekt aufmerksam gemacht und erklären ihr Interesse an der Teilnahme. Auch die freiwillige Teilnahme von Schüler(inne)n anderer Schulen ist möglich und findet bereits statt. Im folgenden, im Schuljahresverlauf stattfindenden Projektunterricht2 und in Workshops sollen sie ihre Fähigkeiten in den Elementen des Hip Hop: Rap, Breakdance/Streetdance und Freestyle erweitern – je nach Interressenlage der Schüler(innen). Sie sollen zusätzlich lernen, wie man Veranstaltungen selbstständig organisiert und durchführt, gezielt dafür wirbt, sich selbst präsentiert und Verantwortung für sich und alle Beteiligten übernimmt. Desweiteren renovieren die Schüler(innen) derzeit gemeinsam ein altes Schulhausmeistergebäude auf dem Schulgelände der AFS, um auch für die zukünftig am Projekt teilnehmenden Jugendlichen einen Treffpunkt zu schaffen. Gemeinsame Auftritte auf Schulveranstaltungen und auf externen Veranstaltungen sowie die Organisation einer eigenen Veranstaltung sind in Vorbereitung. Das Projekt fordert von und fördert bei den Teilnehmer(inne)n Ehrgeiz, Motivation, Zielstrebigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Kooperationsfähigkeit und Durchhaltevermögen. Softskills, die im heutigen Berufsleben von immenser Bedeutung sind und die viele Menschen insbesondere den Hauptschüler(inne)n absprechen3.

Beteiligte
Mario Pavelka alias Bickmack, selbstständiger Musiker aus Bonn, wird im Rahmen des Projektes durch Lehrer(innen) und Sozialpädagoge(inne)en unterstützt. So findet ein ständiger Austausch zwischen den Schulen statt und Lehrkräfte nutzen das Projekt um einen besseren Zugang zu den Jugendlichen zu erreichen, der über die Eltern oft nicht möglich ist. Das Projekt wird durch den „Verein der Freunde und Förderer der Anne-Frank-Hauptschule Bonn/Beuel e.V.“ organisatorisch unterstützt.

Herr Andreas Hansmeier unterstützt das Projekt sowohl als Lehrkraft während des Unterrichts an der AFS als auch im Rahmen seiner Fördervereinsmitgliedschaft als ständiger Ansprechpartner, Ratgeber und Unterstützer des Projekts. Die Jugendzentren Flax in Bonn/Beuel, die AFS und das Haus Michael in Bonn/Schwarzrheindorf stellen derzeit bei Bedarf Räumlichkeiten fürTraining und für Treffen zur Verfügung. Je nach Bedarf sind Kooperationen mit weiteren Jugendhäusern möglich.

Die Inhalte
Die Geschichte des Hip Hop, die Techniken (Rap, Gesang, Dance, Graffiti), Veranstaltungsorganisation und Durchführung, Werbung (Flyer, Presse, …), Programmgestaltung (Abläufe, …), Timemanagement (Planungsabläufe, …), Equipment (Ton, Licht, …) und der Auf- und Abbau von Bühnentechnik. Weiterhin stellt die immer wiederkehrende Beschäftigung mit den Menschenrechten und der Lebenswelt der Schüler(innen) dar, ein wichtiger Bestandteil des Projekts dar, da sich die Schüler(innen) mit diesen in ihren mittlerweile zahlreichen Raptexten und Diskussionen befassen. Während des Unterrichts befassen sich die Schüler(innen) mit den unterschiedlichen Thematiken, zu denen sie Informationsmaterial erhalten oder/und Unterrichtsdiskussionen führen. Im Anschluss dienen diese Thematiken dann oft als Grundlage für neue Raptexte und –songs oder auch Choreographien.

Methode, Wirkung, Evaluation, Vernetzung
„Ich denke, dass es Zeit ist, neue Wegen zu finden und zu gehen“,
so Mario Pavelka. „Ich denke, dass man in die Zukunft sehen und versuchen muss, den Jugendlichen einen Weg durch Förderung und Unterstützung ihrer Interessen zeigen muss und nicht durch Ausgrenzung.“ So der Hip-Hop-Artist mit afroamerikanischen Wurzeln. Viele Schüler(innen), gerade an den Hauptschulen, können sich mit den bekannten Hip-Hop-Stars identifizieren. Sie eifern ihnen nach und sie dienen ihnen als Vorbilder. Somit haben sie etwas mit den Schüler(inne)n anderer Schulformen gemeinsam. Hip Hop ist somit der Schlüssel zur Integration im Projekt.
Das Projekt „KoopeRAPtion, IntegRAPtion“ ist eine Umsetzung vieler Theorien, die entgegen der vorherrschenden Meinung, Hip Hop sei gewaltverherrlichend, behaupten, dass Hip Hop die Sprache der Jugendlichen spricht und diese nur durch das viel umstrittene Medium erreichbar sind. Das Projekt war zu Beginn sehr vielen Vorurteilen ausgesetzt, da Hip Hop in den Medien oft negativ dargestellt wird. Sicherlich steht außer Frage, dass Musik grundsätzlich Einfluss auf ihre Hörer hat; ob dieser Einfluss jedoch negativ sein muss, ist umstritten. Neuere Theorien stellen deutlich heraus, dass kein Zusammenhang zwischen dem Gewaltpotential eines Menschen und seiner Musikpräferenz besteht. Hip Hop, so wie er heute bekannt ist und von vielen zur Zeit aktuellen Rappern für ihre Zwecke missbraucht wird, entstand aus einer ganz anderen Motivation heraus. Hip Hop war immer die Musik der Unterdrückten, der Unzufriedenen und derer, die etwas an dem vorherrschenden politischen System ändern wollten. Hier lässt sich die Verbindung zu Jugendlichen, besonders zu Hauptschüler(inne)n, ziehen. Die Gewaltbereitschaft und Ausgrenzung, besonders bei diesen Schüler(inne)n, entsteht aufgrund vieler Faktoren, die nicht bewiesen sind,  die sich dennoch herauskristallisieren: Migrationshintergrund, Inkompetenzen, familiäre Situation, Überforderung und fehlende Hilfestellung durch die Eltern, soziale Ausgrenzung, irreale Selbstsicherheit, negative Beeinflussung durch die Medien, Peergroupgewalt, Aggressivität, Pubertät, Perspektivlosigkeit, Frust, aber vor allem das Gefühl, ein „Hauptschüler“ und somit von der Gesellschaft stigmatisiert zu sein. Gerade diesen Schüleri(inne)n den Hip Hop und seine Geschichte als ein Mittel zum Frustabbau und zur Integration näherzubringen, hat sich das Projekt vorgenommen. Anders als andere Konzepte, die zeitlich begrenzt sind, nur für bestimmte Jugendliche zugänglich sind und erst angesetzt werden, wenn diese auffällig geworden sind, geht dieses Konzept ursachenorientiert, langfristig und effektiv vor. Die Jugendlichen erhalten durch Rap und Tanz ein Mittel, mit dem sie ihren alltäglichen Frust abbauen können und sich in neue Gruppen integrieren können. Nach nun einem halben Jahr „Schoolbattle“ und zwei Monaten „KoopeRAPtion, IntegRAPtion“ kann die Behauptung aufgestellt werden, dass dieses Mittel genau das Richtige für die Jugendlichen war. Für die Evaluation wurden die Evaluationsmethoden der Beobachtung und Dokumentenanalyse angewandt; weiterhin wurden Reflexionsgespräche mit allen beteiligten Schüler(inne)n geführt, die positive Ergebnisse hervorbrachten.

Alle Schüler(innen) bestätigten, dass
•    sie Aggressionen durch das intensive Training abgebaut haben
•    sie durch das entstandene Gemeinschaftsgefühl einander respektierten und tolerierten
•    zahlreiche neue Freundschaften entstanden sind
•    es keine Schwierigkeiten und  Rivalitäten mehr zwischen den Schüler(inne)n beider teilnehmenden Schulen gibt
•    ihr Selbstvertrauen/Selbstbewusstsein durch positive Bestätigung angestiegen ist
•    sie mittlerweile kein Problem mehr damit haben, sich zu ihrer Schule zu bekennen und sich mit ihr zu identifizieren
•    sie Anerkennung durch ihre Eltern und ihren Lehrer(innen) erhalten haben
•    sie Verantwortung übernahmen für sich und andere
•    sie gelernt haben, sich an Regeln zu halten
•    sie ein Hobby in ihrem Leben gefunden haben, dass ihnen Spaß bereitet und sie weiterbringt
•    sie ihre Stärken/Schwächen erkannt haben und diese durch intensives Training abbauen/festigen konnten.

Hinter der Projektidee steht ein ressourcenorientierter Ansatz, der die Stärken und Talente der Teilnehmer(innen) fördert, anstatt an ihren vielzitierten Defiziten anzusetzen. Durch Erfolgserlebnisse und Anerkennung für sozial kompetentes Verhalten und Leistung entwickeln die Jugendlichen ein positives Selbstwirksamkeitsgefühl und erlangen Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Diese dauerhaft in das Selbstkonzept integrierte Einstellung wird in der Umkehrung des bekannten Teufelskreises durch weitere Erfolge im schulischen und sozialen Bereich immer mehr gefestigt. Der Glaube daran, selbstgesetze Ziele erreichen zu können, spielt eine entscheidende Rolle für das weitere Bildungsverhalten der Schüler(innen). Die erlernten Soft Skills und Konfliktbewältigungsstrategien unterstützen dabei diesen Prozess und erschließen den Teilnehmer(innen) größere Chancen im Schul- und Berufsalltag. Zudem wird relevantes Wissen durch die neuartige Vermittlung des Stoffs für die Schüler(innen) greif- und verfügbarer; die vorher oft negative Einstellung zu Schule und Lernen wird durch neue Motivation verbessert und fördert Neugier sowie die Freude am eigenständigen Denken – Fähigkeiten, die über verbesserte Schulleistungen die Zukunft der Jugendlichen ebenfalls dauerhaft zu beeinflussen vermögen. Mittels aktiver Auseinandersetzung mit einem auf Respekt und Toleranz basierenden Miteinander werden die Norm- und Wertvorstellungen der Jugendlichen in einer besonders prägbaren Phase ihres Lebens nachhaltig beeinflusst. Die Möglichkeit, über Kreativität, Engagement und Disziplin Respekt zu erringen, erleichtert hierbei den Aufbau einer moralisch sensiblen, gewaltresistenten Persönlichkeit, die sich ihrer Möglichkeiten im Leben bewusst ist und von kompensatorischer Selbstbestätigung über Aggressionen oder Drogenkonsum Abstand nehmen kann. Dies alles sind Effekte, die mit der Identitätsbildung eng verbunden sind und damit über die Dauer des Projekts hinaus als immanenter Teil der Person weiterexistieren.
Wichtig ist zudem der Integrationscharakter des Programms: Hip Hop als Schnittpunkt und eigenständiger „Kulturkreis“ vereint das heterogene Feld der Zielgruppe unter gemeinsamen Ziel-und Wertevorstellungen, die s Soziale, religiöse, ethnische und ökonomische Grenzen überschreiten. Die psychische Empfindung einer so genannten „In-Group“ ermöglicht die gegenseitige Reflektion der Angehörigen dieser Kultur auf einer Basis von Solidarität, Gleichheit und Zusammengehörigkeit, welche Vorurteile infrage stellt und negative Fremdbilder in einen kritischen Blickpunkt rücken lässt. Überaus wertvoll hierbei ist auch der Zugang, der sich den Lehrer(innen) auf diesem Weg als wirksame Kommunikationsmöglichkeit zu den Schüler(innen) erschließt und die im heutigen Bildungssystem entstandenen Entfernungen zwischen beiden Seiten zu überbrücken vermag. Die daraus erwachsenden Vorteile – sowohl für die Teilnehmer(innen) in ihrem beruflichen und sozialen Werdegang, als auch für das Bildungssystem, den Arbeitsmarkt, die Gesellschaft und die Integrationspolitik – sind dabei enorm. Die von dem Projekt „KoopeRAPtion, IntegRAPtion“ beeinflussten Persönlichkeitsaspekte, Fähigkeiten und Einstellungen setzen einen Kreislauf aus positivem Verhalten und daraus resultierenden Erfolgserlebnissen in Gang und wirken somit wesentlich nachhaltiger auf das Leben der Jugendlichen als ein herkömmlicher AG-Schulunterricht.

Gegenseitige Feedbacks, Beratungen, Ratschläge und ein ständiger Austausch zwischen den Schulen sind gewährleistet und Rückmeldungen aus dem Unterricht können in den Projektunterricht und anders herum einfließen. Besuche der Lehrkräfte im Projektunterricht sind ausdrücklich erwünscht. Die Texte der „rappenden“ Schüler(innen) finden zum Teil Berücksichtigung im Unterricht, womit eine sprachlich korrekte Ausdrucksweise gefördert wird und die intensive Beschäftigung mit der deutschen Sprache und den Unterrichtsthematiken notwendig ist. Der verbale Austausch zwischen den Schüler(inne)n unterschiedlichster Herkunft und Nationalität findet ausschließlich in deutscher Sprache statt, was gefordert und unterstützt wird. Das bezieht sich sowohl auf das gesprochene als auch geschriebene Wort. Durch „Hausaufgaben“ und die fast täglich vorhandenen Trainingsmöglichkeiten, wird eine sinnvolle Betätigung der Schüler(innen) auch in ihrer Freizeit gefördert und von diesen auch intensiv genutzt. Hierdurch ist ein intensiver Austausch der Schüler(innen) untereinander und schulübergreifend garantiert, gruppendynamische Prozesse werden im positiven Sinne unterstützt und eine gesteigerte Motivation, mit ihrer Freizeit „etwas Sinnvolles anzufangen“, ist bereits nach kurzer Zeit zu beobachten. Die Schüler(innen) erleben sich in einem neuen Umfeld und das auf aktive Art und Weise. Probleme innerhalb der „Teams“ werden untereinander diskutiert und gemeinschaftlich, wenn notwendig mit Hilfe der Trainer und Lehrkräfte, gelöst. Die Gewährleistung dieser Vernetzungsmöglichkeiten und die daraus resultierenden möglichen langfristigen und positiven Auswirkungen waren und sind der Hauptgrund für die Kooperation der Schulen im Rahmen dieses Projekts.

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